Die Zerstrittenen Staaten von Amerika

Die Zerstrittenen Staaten von Amerika

Warum so viele US-Bürger Donald Trump wählen werden

Texte: Ulrich Halasz, Fotos/Videos: Daniel Roth

In ein paar Wochen kürt Amerika seinen neuen Präsidenten. Hillary Clinton oder Donald Trump, Demokratin oder Republikaner. Früher, da waren US-Wahlkämpfe bunt-überdrehte Shows, mit viel Pathos und Konfetti. Diesmal ist das anders. Das Land ist tief zerstritten, das politische Klima vergiftet. Und die Gesellschaft gespalten. Das hat auch ökonomische Gründe: Die Mittelschicht schrumpft immer weiter, Ober- und Unterschicht dagegen wachsen. Ein Symptom: Fast jeder zweite Amerikaner denkt allen Ernstes daran, sein Kreuzchen bei Donald Trump zu machen.

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Amerika, was ist bloß los mit dir?

Wer Antworten sucht, verstehen will, was in den Vereinigten Staaten gerade passiert, der muss nah rangehen. Eindringen in den Alltag der Menschen, von denen sich so viele im Stich gelassen, wirtschaftlich abgehängt, sogar verraten fühlen.

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Chefreporter Ulrich Halasz (links) und Fotograf und Kameramann Daniel Roth.

AKTIV hat das getan. Wir haben ein Reporterteam losgeschickt, bestehend aus unserem Chefreporter Ulrich Halasz und dem Fotografen und Kameramann Daniel Roth. Der Auftrag: ein Stimmungsbild der enttäuschten Mittelschicht zu zeichnen. Um das liefern zu können, entschieden sich die beiden für einen Road-Trip durch die amerikanische Provinz. Das Ergebnis: über 1.000 Meilen auf dem Tacho, fünf durchquerte Bundesstaaten – und zahllose Gespräche und Begegnungen, festgehalten auf vier Notizblöcken und noch mehr Speicherkarten.

Mitgebracht hat unser Team dazu noch eine Erkenntnis: Wer jene Millionen Amerikaner, die Trump am 8. November wählen wollen, pauschal als dumpfe, rassistische, schlecht ausgebildete Loser abstempelt, der macht es sich zu einfach. Reporter Halasz: „Donald Trump bedient eine Wut in der Bevölkerung, die sich über viele Jahre hinweg angestaut hat.“

Wer sich mit dem Scrollrad der Maus durch diese Website navigiert, findet neben der bereits in der Wirtschaftszeitung AKTIV gedruckten Reportage zahlreiche weitere Fotos, Videos sowie eine Menge interessanter Extratexte. Der Leser trifft stets den „Everyday Joe“, „The Working Stiff“, wie man Otto-Normalverbraucher in den USA nennt.

Wir wünschen eine interessante Lektüre.

Von Süd nach Nord: Die Stationen des Road-Trips

(Klicken Sie auf die Karten-Pins, um mehr zu erfahren.)


Mooresville / Vansant / Monessen / Livingston Manor. Wenn sie mal wieder einen miesen Tag hat, geht Joanna Kindermann kurz in den Keller. Dort öffnet sie den wuchtigen Stahlspind – und streichelt ihre Waffen!

Mit den Fingern über das kalte Metall der Gewehrläufe zu fahren: Das gebe ihr wieder das Gefühl von Sicherheit, sagt die massige Frau. Sie ist derzeit oft da unten. Weil die Zeiten lausig seien, es gehe den Bach runter mit Amerika, findet die 49-Jährige. „Schaut mich nur an! Erst war mein Job weg, dann die Krankenversicherung. Bald wohl das Haus!“

Angst und Wut statt Hope und Change

Sie hat Schilder in den Rasen vor ihrem Haus am Rand von Mooresville, North Carolina, gerammt. „Trump“, brüllt eines in Großbuchstaben. Das andere zeigt „Hillary“ hinter Gittern. „Einsperren, die Schlampe!“, zischt Kindermann.

„Erst war mein Job weg. Dann meine Krankenversicherung.“ Joanna Kindermann

Das ist der Sound der USA, im Herbst 2016. Willkommen in den Zerstrittenen Staaten von Amerika! In ein paar Wochen wählen sie hier den nächsten Präsidenten: Hillary Clinton oder Donald Trump. Statt wie früher „Hope“ oder „Change“ beherrschen jetzt andere Begriffe die Debatte: Wut und Angst. Vor Terrorismus, Einwanderern, Freihandel. Vor allem aber: Angst vor Wohlstandsverlust und Abstieg.

Die breite Mittelschicht Amerikas ist tief verunsichert. Und dazu hat sie allen Grund: Nach amtlicher Statistik liegt das jährliche „Median-Haushaltseinkommen“ heute inflationsbereinigt mehr als 1.000 Dollar niedriger als noch zu Beginn des Jahrtausends. Es bezeichnet das Einkommen, das von exakt der Hälfte der Bevölkerung übertroffen und von der anderen Hälfte unterschritten wird. Und der Anteil derer, die rechnerisch zur Mittelschicht zählen, schrumpft kräftig. Die Folge: Es gärt im Volk.

Wie bei Joanna Kindermann. An diesem Septemberabend steht sie barfuß im Vorgarten und rattert ihre Vita runter. Highschool, College-Abschluss in Informatik, ein guter Job im Anschluss. „Dann wurde meine Abteilung nach Asien verlegt.“

Seither: viele Bewerbungen, kein Job. Dafür Schmerzen: Kindermann braucht dringend eine Hüft-Operation. Aber sie ist eine von immer noch fast 30 Millionen US-Bürgern ohne Krankenversicherung. „Ich war seit Jahren nicht beim Doc.“

An eine Wende glaubt sie nicht mehr. „Bald bin ich 50. Wer nimmt mich noch?“ Dann zeigt sie die Straße runter, auf hübsche Nachbarhäuser, Pick-ups in den Einfahrten: „Alles hart arbeitende Leute. Alles Mittelstand. Und die meisten haben Angst, dass es ihnen bald geht wie mir.“

Weiß und wütend – Kindermann mag alle Klischees des typischen Trump-Wählers erfüllen. Vier Autostunden nordwestlich aber lebt jemand, der eher traurig als wütend wirkt. Vansant im County Buchanan, Bundesstaat Virginia: Jody Bostic, 39, steht in dem kleinen T-Shirt-Shop, den er mit seiner Frau Sara seit Jahresbeginn betreibt.

Jody Bostic: „Mein Einkommen ist dramatisch gesunken.“

„Schulen, Sportvereine, das sind so unsere Kunden“, sagt Bostic leise. „Mountain Top“ hat er den Laden getauft, also „Berggipfel“. Dabei verbrachte er sein Leben bislang unter den Bergen Virginias – in der Mine. Buchanan County, das war mal stolzes Kohlerevier: Tausende Kumpel föderten hier wie Bostic das schwarze Gold. „Mit 17 bin ich zum ersten Mal eingefahren“, erzählt er, „wie mein Vater vor mir.“ Auf Knien kroch Bostic durch niedrige Kavernen – der Scheck dafür aber war hoch. 90.000 Dollar (rund 80.000 Euro) betrug der Durchschnittsverdienst der Kumpel in der Region.

Doch Schicht im Schacht! Das immer günstigere Erdgas und die Klimapolitik von Noch-Präsident Barack Obama setzen der Kohle-Industrie schwer zu. Schon mehr als die Hälfte der Minen in Jody Bostics Heimat hat in den letzten Monaten dichtgemacht. Und auch er wurde gefeuert. Plötzlich war seine Perspektive schwarz. „Ich hatte mich immer weiterqualifiziert, Kurse belegt. Aber die Kohle hier ist tot. Und andere Industrie gibt es nicht.“

Größter Arbeitgeber ist jetzt eine Shoppingmall im Nachbarort. 200 Jobs, alle zum Mindestlohn: 8,50 Dollar die Stunde. Also setzte Bostic alles auf eine Karte – nämlich T-Shirts. Er sagte sich: „Lieber scheitere ich, als tatenlos auf den Abstieg zu warten.“ Er mietete ein verwaistes Ladenlokal, pumpte sich 14.000 Dollar für eine programmierbare Nähmaschine.

Das Geschäft läuft zäh. „Mein Einkommen ist dramatisch gesunken“, nur noch mit Mühe bekäme er seine Familie über die Runden. Jetzt hofft er auf Donald Trump. Warum? „Er hat gesagt, er wird alle Bergleute wieder in die Minen bringen.“

Hoffnung – die hat man auch 350 Meilen weiter nordöstlich bitter nötig. In der Stadt Monessen, Pennsylvania, schnürt Bürgermeister Lou Mavrakis, 79, wie ein wütendes Raubtier durch die Straßen. „Das da war mal eine verdammte Bank, das da hinten ein Grand Hotel“, sagt er und zeigt auf Ruinen: „Alles beim Teufel, meine Stadt geht vor die Hunde, verflucht!“

„Meine Stadt geht vor die Hunde.“ Lou Mavrakis

Monessen war mal Boomtown, hier im „Rostgürtel“, dem alten Zentrum von Amerikas Schwerindustrie. Über volle zwei Meilen erstreckten sich früher die Stahlwerke am Ufer des Monongahela Rivers. Zehntausende malochten dort, kochten den Stahl für die Autofabriken in Detroit und sogar für die Seile der Golden-Gate-Brücke in San Francisco.

Aber die Hochöfen sind schon lange kalt. Wie ein Krebsgeschwür kriecht der Verfall durch die leeren Gassen. Statt Industrie blühen Prostitution und Drogenhandel. „Ich würde alles abreißen lassen für einen Neuanfang. Aber es fehlt das Geld“, sagt Bürgermeister Mavrakis.

Zweimal hat er, selbst Demokrat, an Obama geschrieben. „Nie kam eine Antwort.“ Dann schrieb er an Trump. Ein paar Wochen später stand der im letzten Industriebetrieb der Stadt, einem Recyclingwerk. „Er hat den Leuten erzählt, was sie hören wollen“, sagt Mavrakis und lacht bitter. „Dass er die Stahl-Industrie aus China zurückholt.“

Das wird nicht passieren – weil sie gar nicht abgewandert ist. Laut American Iron and Steel Institute stammten immerhin 71 Prozent des 2015 in den USA verbauten Stahls aus heimischer Produktion. Das eigentliche Problem ist: Man braucht weniger Personal als früher.

Und das nicht nur beim Stahl. Zwar stieg die Zahl der Arbeitsplätze in der US-Industrie insgesamt zuletzt leicht an. Trotzdem gibt es dort aktuell fünf Millionen Stellen weniger als vor 16 Jahren. Ein Kahlschlag in der Produktion, wie ihn Deutschland in dieser Zeit zum Glück nicht erlebt hat. Davon besonders betroffen: Amerikas Mittelschicht.

Geld fürs Haus, ein Auto, College für die Kinder und die Ferien

Das erlebt auch Keith Miller am eigenen Leib. Der 51-Jährige, Gelfrisur, freundliches Gesicht, steht in der Werkhalle von Alumisource in Monessen – eben jenem Recyclingwerk, in dem Donald Trump vor ein paar Wochen sprach. Die Luft ist geschwängert von Staub, aber was Miller das Leben wirklich schwer macht, ist Zukunftsangst.

Keith Miller: „Ich mache mir oft Sorgen um meinen Job.“

„Früher hast du nach der Highschool irgendwo angefangen“, sagt er. „Und musstest dir keine Sorgen mehr machen.“ Einmal Fabrik, immer Fabrik, und das Geld reichte für den American Way of Life, für Haus, Auto, die Ausbildung der Kinder, Urlaub. „Bei mir ist das ja auch alles drin – aber wie lange noch?“

Sein Betrieb, ja die ganze Branche, ist schwer unter Druck. Deswegen sitzt Miller abends oft am Schreibtisch und rechnet. Zwei Töchter hat er, beide sollen aufs College. Kosten pro Kind und Jahr in den USA: 21.000 Dollar. Wie er die Zukunft seiner Kinder finanziert, ist offen.

Und schließlich: Livingston Manor, Bundesstaat New York. Richard Post sitzt grimmig in seinem Jagdwaffen-Laden, auf dem Karohemd prangt ein Trump-Button. Seit 41 Jahren betreibt Post den Laden, „es reicht mir, ich würde gern in Rente gehen“. Aber Ruhestand könne er sich schlicht nicht leisten. Hohe Lebenshaltungskosten, die Steuern, all das zwinge ihn zum Weitermachen, „bis ich krepiere“. Keine Vorsorge fürs Alter? Posts Blick wird noch finsterer: „Wovon denn?“

Richard Post: „Ich bin 71 und kann nicht in Rente.“

Dass auch ein Präsident Trump ihm nicht einfach einen dicken Scheck schicken würde, weiß er. Aber dann bringt er auf den Punkt, was so viele Amerikaner allen Ernstes zu Trump tendieren lässt.

„Stell dir vor, Amerika wäre ein Zug“, sagt er, „der schon ewig in die falsche Richtung fährt.“ Und Trump wäre der Mann an der Notbremse. „Er haut sie voll rein – und die Koffer fliegen hübsch durch den Waggon.“ Es mag sich auch wer dabei wehtun: „Aber der Zug – der steht!“


Magere Jahre für Amerikas Mittelschicht

Der Stabilitätskern der Gesellschaft bröckelt

Köln. Die Zerstrittenen Staaten von Amerika – wer die verbissene politische Debatte dort verstehen will, muss wissen: „In puncto soziale Ungleichheit liegen Welten zwischen Deutschland und den USA.“

So sagt es Judith Niehues, Verteilungsforscherin am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Das liegt an unserem System der Sozialen Marktwirtschaft, wo der Staat viel stärker als in Amerika die Markteinkommen korrigiert und umverteilt.“

Nach IW-Berechnungen bildet in Deutschland etwa die Hälfte der Bevölkerung die Mittelschicht und damit den Stabilitätskern der Gesellschaft. Sie hat zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens. Ganz anders sieht es in den USA aus: „Dort ist die Verteilung eher polarisiert, nur weniger als ein Drittel ist Mittelschicht“, so Niehues.

Nicht zuletzt der jahrzehntelange Niedergang der Industrie hat dazu geführt, dass ein großer Teil der Bevölkerung beim Wohlstand schon seit vielen Jahren auf der Stelle tritt. Das soziale Netz ist erheblich dünner als in Deutschland. Und zudem brachte die große Immobilienkrise am Ende des letzten Jahrzehnts Millionen von amerikanischen Hausbesitzern an den Rand des Ruins.

Wohlstand: Statistiken auf einen Blick

Infografik Wohlstand USA


Zusatzmaterial


„An die Eierhändler verscherbelt“

Warum der Ex-Bergmann Eddie Deskins in Donald Trump die letzte Rettung sieht

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Täglich in der Tanke: Der 72-jährige Eddie Deskins hat sich entschieden. „Ich werde Trump wählen.“

Grundy. An der Tankstelle von Eddie Deskins gibt es Sprit neuerdings nur noch gegen Vorkasse. Weil einfach zu viele „Kunden“ nach dem Tanken das Bezahlen „vergaßen“ und sich einfach so aus dem Staub machten, hat Deskins ein paar Zettel an die Zapfsäulen gepappt. Aufschrift: „Erst zur Kasse kommen. Und bedankt euch bei den Armleuchtern, die mich ständig beklauen.“

Für Deskins, 72, ist der ausufernde Benzin-Betrug gar ein Beleg für den Zustand des ganzen Landes. „Früher standen wir zusammen in Amerika, heute ist sich jeder selbst der Nächste“, sagt er. Und dann folgt eine Schimpfkanonade, auf Politiker, auf die Banken, die Zocker an der Börse. „Die haben uns hier an die Eierhändler der Wall Street verscherbelt.“ Es werde jetzt einfach Zeit, dass mal jemand übernähme, der wirklich unabhängig sei. Er meint: Donald Trump.

„Trump hat die richtigen Ideen“, findet der Mann mit Baseballcappy und Kassengestell. „Der ist doch so reich, also versteht er ja wohl was von Wirtschaft.“ Gut, schnell reizbar sei Trump ja schon, vielleicht müsse er mal an seinen Wutausbrüchen arbeiten, „aber auch wenn er ein komischer Vogel ist, er hat die richtigen Ideen“.

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Und schlimmer als derzeit könne es ja ohnehin nicht mehr werden. Besonders hier, in Grundy, Buchanan County, Bundesstaat Virginia. „Das hier war ein gutes Fleckchen Erde“, sagt Deskins, jetzt aber sei alles trist und trostlos.

Grund: Die einst mächtige Kohle-Industrie stirbt. In den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts brachte die Montan-Industrie bislang ungeahnten Wohlstand in die Berge Virginias. Farmer, die den schwierigen Böden zuvor mühevoll karge Erträge abgerungen hatten, wechselten vom Feld unter die Erde, in die Minen, die plötzlich überall in die Tiefe getrieben wurden. In den 70er-Jahren kaufte der Montanriese United Coal massenhaft Land im County, noch mehr Minen wurden eröffnet. Die Minenbetreiber kämpften um die begehrten Arbeitskräfte, griffen dabei auch zu eher bizarr anmutenden Methoden. So verfolgte die Island Creek Coal Company lange Zeit und allen Ernstes Pläne, rund 1.600 Chalets nach Schweizer Vorbild an den Berghängen Virginias zu errichten – als Behausung für verdiente Mitarbeiter.

Auch Eddie Deskins wurde Kumpel. Mit 16 fuhr er Lastwagen, randvoll beladen mit Kohle, in die nächste Kokerei. Dann baute er selbst das schwarze Gold ab, 20 lange Jahre. Bis es 1974 zur Katastrophe kam. Deskins hatte seine Schicht unter Tage gerade begonnen, als ein Teil des Stollens in sich zusammenfiel. Herabstürzende Felsbrocken begruben ihn unter sich, erst nach Stunden kamen die Rettungskräfte zu ihm durch. Mehr tot als lebendig zerrten sie Deskins zurück ans Tageslicht. Schwere innere Verletzungen, eine zerschmetterte Hüfte – es war das Ende seiner Laufbahn als Bergmann.

Die besten Tage der Kohle aber hatte er immerhin mitgenommen. Seit Jahrzehnten aber geht es jetzt stetig weiter bergab – mit dem Bergbau, und auch mit ganz Buchanan County. Zuerst hielt die Automatisierung Einzug, plötzlich brauchte man deutlich weniger Arbeiter unter Tage als noch zuvor. Dann schrumpften auch noch die Märkte, billiges Erdgas brachte die Kohle zusätzlich unter Druck. Und insbesondere die Klimapolitik von Noch-Präsident Barack Obama machte der Kohlebranche zuletzt das Leben schwer. Ergebnis: Allein in den letzten Monaten schloss nochmals die Hälfte aller noch verbliebenen Minen.

Für das ehemals stolze Kohlerevier Buchanan County ist das eine Katastrophe. Wer kann, verlässt die Region. Seit 1990 ist die Bevölkerung um ein Drittel auf nur noch etwa 23.000 Einwohner geschrumpft. Das mittlere jährliche Haushaltseinkommen im County liegt um die Hälfte unterhalb des nationalen Medians (rund 56.500 Dollar). Über ein Viertel der noch verbliebenen Bürger lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Auch die Arbeitslosigkeit liegt deutlich höher als der US-Schnitt. Zwar lässt sich das nicht an den offiziellen Zahlen ablesen. Das aber hat seinen Grund: Weil sich die Mehrheit der Arbeitslosen seit Jahren gar nicht mehr um einen Job bemüht hat, taucht sie in keiner Statistik mehr auf.

Zurück in der Tankstelle, zurück bei Eddie Deskins. Weil seine Rente für ein vernünftiges Leben nicht reicht, steht der geschundene Ex-Bergmann auch mit 72 noch immer jeden Tag hinterm Tresen. „Es macht mir nichts aus, ich arbeite gern, was soll ich zu auch Hause“, sagt er. Aber mitanzusehen, wie Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung da draußen das Leben in seiner Heimat lähmen, das ist es, was Deskins so mitnimmt. „Früher“, sagt er, „da hatte hier jeder, der arbeiten wollte, einen guten Job, ein gutes Leben.“ Jetzt verlören die Leute erst ihre Jobs, dann ihre Häuser und am Ende alle Hoffnung.

Letzteres kann man sehr wohl an der Statistik ablesen. Die Selbstmordrate in Buchanan County liegt derzeit doppelt so hoch wie im restlichen Staat Virginia.


„Die Jobs kommen nicht zurück“

Warum Van Wagner auf Musik statt Metall setzt

Es ist kurz vor Mitternacht, als Van Wagner die Gitarre wieder im Koffer verstaut. Der Applaus ist gerade erst verklungen, gut zwei Stunden lang hat der Folksänger zuvor sein Publikum im „Elk Creek Cafe“ in Millheim, Pennsylvania, bei Laune gehalten. „Ich singe, was die Leute hier hören wollen, ein bisschen Dylan, ein paar Folk-Klassiker und meine eigenen Songs“, sagt er und nippt an seinem dunklen Bier. Aber besonders gern singt er: „Lieder, die Geschichten erzählen. Geschichten vom kleinen Mann auf der Straße, von seinen Nöten und Wünschen.“ Arbeitergeschichten, Songs vom „Everday Joe“, den „Working Stiff“, wie sie ihre Otto Normalverbraucher hier nennen.

Querdenker an der Klampfe: Van Wagner im „Elk Creek Cafe“, Millheim, Pennsylvania

Und Wagner weiß, wovon er da singt. Zwar tourt er seit Jahren singend und klampfend durch Klubs und Bars der Region, hat rund 20 erfolgreiche Alben veröffentlicht, und unterrichtet dazu noch Umweltwissenschaft an einer Schule. Aber zuvor, da hat er am eigenen Leib erfahren, was harte Arbeit ist. „Ich war erst Arbeiter in der Metall-Industrie, dann Bergmann in Iowa“, erzählt er. Schwielen an den Händen, ölverschmierte Unterarme, wie habe er das geliebt, bis er eines Tages vor ein paar Jahren einsehen musste, dass seine Jobs immer wackeliger wurden. Also setzte er ein Studium drauf, der Lehrerjob für die Miete, die Musik fürs Herz.

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Dass viele, die ihm gerade noch zugejubelt haben, ihr Kreuz bei den Wahlen im November wohl bei Trump machen werden, weiß er. „Sie halten das für richtig, und mit ihnen zu diskutieren, macht keinen Sinn.“ Probiert habe er das, aber die Fronten seien einfach zu verhärtet.

Versteht er sie, die Trump-Anhänger? „Klar, wenn du deinen Job verlierst, kein neuer in Sicht ist, du dich im Stich gelassen, verraten fühlst, dann ist deine Reaktion: Wut.“ Die bediene Trump. Eine Lösung aber sei das nicht. Zwar sei nicht alles Gold in Amerika in diesen Tagen. „Aber meine Kinder sind keine Flüchtlinge, sie haben ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Teller.“ Wer einen Job suche, der finde auch einen, „vielleicht weniger gut bezahlt als früher in der Fabrik, und vielleicht musst du auch umziehen, deine Heimat verlassen“. Aber einen Weg finde eben auch nur der, der vom alten mal abzuweichen bereit sei.

Und der alte Weg, die alten großen Arbeitgeber hier in Pennsylvania, Stahl und Kohle, das sei einfach Vergangenheit. „Stahl und Kohle, das war einmal, die Zeit ist um, und auch Trump wird das nicht ändern können, egal, was er auch verspricht“, sagt Wagner.

Neues Bier, neue Gedanken. Es sei doch so: „Alle aus meiner Familie, die in den Gruben oder an den Hochöfen geschuftet haben, sind jetzt entweder versehrt oder tot.“ Das sei doch wohl ein Zeichen. „Die Wirtschaft ändert sich eben, statt Kohle haben wir jetzt Fracking.“ Die Deutschen, findet er, machten doch gerade vor, wie man entschieden die Weichen auf Zukunft stelle. „Ihr schaltet eure Atomkraftwerke bald ab und setzt auf erneuerbare Energien.“ Ihm gehe bei so viel Entschlossenheit das Herz auf, es scheint, als würde er am liebsten noch mal die Klampfe rausholen und weitersingen. „Ich will nicht missverstanden werden: Ich bin stolz auf unsere industriellen Wurzeln.“ Aber vorbei sei vorbei, die Zukunft liege woanders.

Auch für ihn, zu dieser vorgerückten Stunde. Er will nach Hause, morgen sei wieder Unterricht. Ein letzter Schluck aus dem Glaskrug, eine Strophe von „Die Gedanken sind frei“, sogar auf Deutsch, und Van Wagner ist durch die Tür.


„Washington hat uns vergessen“

Warum sich Lou Mavrakis die gute alte Zeit zurückwünscht

Wenn es eines gibt, was er wirklich hasst, dann sind das: Computer. Lou Mavrakis steht in seinem Bürgermeisterbüro im Rathaus der Stadt Monessen, Pennsylvania. Auf dem Schreibtisch türmen sich hohe Stapel von Papier, einen Computer aber sucht man vergeblich. „Schrecklich, die Dinger“, motzt der 79-Jährige, „früher haben die Leute noch persönlich miteinander geredet, heute chatten alle bloß noch. Ohne mich!“

„Das haben sie uns hinterlassen: nichts als Ruinen und Verfall“

Die gute alte Zeit – die wünscht sich Bürgermeister Mavrakis nicht nur bei der Bürotechnik zurück. Sondern viel mehr noch angesichts des Niedergangs seiner einst blühenden Stadt Monessen. „Früher, zur Blütezeit des Stahls, waren die Bürgersteige voller Menschen, die Leute flanierten durch die Innenstadt, es gab Cafés und Bars.“

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Vergangenheit: Das Gemälde mit Hochöfen erinnert auf einer Häuserwand an die gute alte Zeit.

Davon ist nichts mehr übrig. Mavrakis hat eine große Luftbildaufnahme der Stadt an die Wand seines Büros geheftet. Darauf zu sehen sind schraffierte Flächen, grün, gelb und rot. „Gelb und rot steht für Ruinen oder von Verfall bedrohte Gebäude“, erklärt er. Es ist viel Gelb und Rot zu sehen. Sehr viel.

„Wir haben 400 Ruinen in der Stadt“, stöhnt Mavrakis. Von den einst weit über 20.000 Einwohnern Monessens sind noch 7.500 da, der Rest ist gegangen. „Fast jeden Tag gehen weitere Leute weg, sie lassen einfach alles zurück und kommen nie wieder.“ Manchmal stehe auf dem Tisch noch das Essen, der Kühlschrank sei voll. „Aber die Leute sind einfach gegangen, weil sie hier keine Zukunft mehr für sich sehen.“

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Tristesse: Die einst blühende Stahlstadt Monessen verfällt.

Für den Abriss der verfallenen Häuser oder die dringend nötige Sanierung der bröckelnden Kanalisation aber fehlt der Stadt das Geld. „Unsere Regierung gibt Millionen von Dollar für Hilfen in anderen Ländern auf der Welt aus“, wettert Mavrakis. „Sie helfen Ländern, deren Bewohner uns Amerikaner hassen. Aber Städte wie Monessen, Städte, die dieses Land einst groß gemacht haben, die lassen sie verrotten.“

Wie aber sollten sie hier jemals einen Neuanfang schaffen, inmitten all des Verfalls? „Eigentlich haben wir hier gute Voraussetzungen für neue Industrie“, findet der Bürgermeister. Da sei die Autobahn, der nahe Fluss, das nur eine Autostunde entfernte Pittsburgh mit seinen Hochschulen und gut ausgebildeten Fachkräften. „Aber wie soll ich Firmen überzeugen, hier in meiner Stadt zu investieren? Wenn sie beim ersten Besuch hier nichts anderes zu sehen bekommen als Verfall?“


Der Ruhrpott als Vorbild

Wie die Stadt Monessen zu ihrem Namen kam

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Historisch: Fotografie im Stadtmuseum von Monessen. Das 1958 aufgenommene Bild zeigt Stahlarbeiter beim Verlassen des Werks nach Feierabend.

Kohleschwaden in der Luft, die Fensterbretter schwarz vor Staub, dazu Schwerindustrie, Stahlwerke vor allem, mit ihren glühenden Hochöfen, errichtet entlang des Flussufers – klingt nach Ruhrpott, oder? Nach einer alten Industriestadt wie Essen beispielsweise.

Was ja auch stimmt. Aber die Perfektion der typischen Ruhrpott-Cluster aus Kohle und Stahl bewunderte man auch anderswo. Im Monongahela Valley, Pennsylvania, USA, beispielsweise.

Als sich die Stadtentwickler dort Anfang des 20. Jahrhunderts anschickten, die seinerzeit rückständigen Bauerndörfer mit ihrer zumeist aus europäischen Einwanderern bestehenden Bevölkerung zu industrialisieren, orientierte man sich am Reißbrett an der Struktur deutscher Ruhrgebietsmetropolen.

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Einer der wichtigsten Stahlstandorte entstand entlang einer sanften Schleife des Flusses Monongahela, nach dem das Tal benannt ist. Nur einen Namen brauchte man noch für die prosperierende kleine Stadt. Man erfand: Mon-Essen. Mon für den Fluß, Essen nach dem deutschen Vorbild.

Ironie der Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs liefen die Stahlwerke in beiden Städten, Monessen wie Essen, auf Hochtouren. Sie produzierten seinerzeit vorrangig Rüstungsgüter. Was die Stahlwerker also in Monessen, USA, herstellten, diente auch dazu, Essen an der Ruhr in Schutt und Asche zu legen.

Doch während die deutsche Ruhrmetropole nach dem Krieg neu aufgebaut wurde, um sich Jahre später mit durchaus beachtlichem Erfolg dem Strukturwandel zu stellen, begann in Monessen, USA, in den 80er-Jahren der Niedergang. Vor 30 Jahren erkaltete hier der letzte Hochofen, seither regiert der Verfall.

Außer beim Besuch des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump schaffte es Monessen nur noch einmal in die Schlagzeilen. Kurz vor dem Abriss des letzten Stahlwerks 1986 wurde in den verwaisten Hallen des einst stolzen Betriebs ein Hollywood-Streifen gedreht – der Science-Fiction-Film „Robocop“.


„Mer schwetze noch de Muddersprooch!“

Die Amish People: Warum man mitten in Pennsylvania plötzlich deutsche Töne vernimmt

Sie leben wie vor zweihundert Jahren, verzichten auf Autos, Internet, Handys oder Strom aus der Steckdose: die christliche Gemeinschaft der Amish. Etwa 250.000 Mitglieder zählt sie in den USA, etwa ein Fünftel davon lebt in Pennsylvania. Ursprünglich entstanden ist die Gemeinschaft der Amish Ende des 17. Jahrhunderts in der Schweiz als Abspaltung einer Gruppe ehemaliger Mennoniten. Weil sie sowohl im schweizerischen als auch im süddeutschen Raum verfolgt wurden, wanderten viele Gemeindemitglieder Ende des 18. Jahrhunderts nach Nordamerika aus.

Wer heute in ihren Siedlungsgebieten unterwegs ist, wird übrigens vertraute Töne hören: Untereinander sprechen die Amish zumeist „Pennsylvania Deutsch“, eine Art Mischmasch aus pfälzischem Dialekt und englischen Vokabeln.

Ihre Haupteinnahmequelle ist neben Gastronomie und Einzelhandel die Landwirtschaft. Wer auch immer im November die US-Präsidentschaftswahlen gewinnen wird – für die Amish wird sich wohl ohnehin kaum etwas ändern. Denn: Die Gemeindemitglieder gelten als unpolitisch, nur selten machen sie von ihrem Stimmrecht Gebrauch.

Durchaus kommunikativ aber kommen sie in unserem Video daher – aufgenommen in der Nähe von Millheim, Pennsylvania, während einer Versteigerung frisch hergestellter Heuballen kurz nach der Ernte:


Mimi Owen: „Wir sollten Amerika wieder das Träumen beibringen“


Robert Dojonovic: „Ich bin mir sicher, dass Trump für mehr Jobs sorgen wird“


1.000 Meilen in 32 Minuten – der Road-Trip im Zeitraffer-Video