Irland: Warum die Wirtschaft wieder läuft

Irland: Warum die Wirtschaft wieder läuft

Dublin. Wenn Brian Graham gute Laune hat, gerät er schnell ins Plaudern. Wie an diesem Januarabend. Der gelernte Metallarbeiter Graham, Cordsakko, grüne Krawatte, akkurater Bart, sitzt in einem Pub im Zentrum von Dublin. In der Hand hat er ein gepflegtes Pint und auf den Lippen schon die nächste gewagte Theorie.

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„Wir Iren sind die Klippen runtergestürzt. Jetzt klettern wir wieder rauf.“ Brian Graham, irischer Rentner.
„Wir Iren sind die Klippen runtergestürzt. Jetzt klettern wir wieder rauf.“ Brian Graham, irischer Rentner.

„Wenn ich wissen will, wie es Irland geht“, sagt er, „dann muss ich bei mir im Wohnzimmer bloß die Hand vors Fenster halten.“ Wie Hechtsuppe ziehe es da durch die alten Holzrahmen – und er kriegt partout keinen Termin beim Handwerker.

„Bis vor kurzem hatte der Kerl immer Zeit. Jetzt ist er ausgebucht.“ Für Brian Graham ist die Sache glasklar: „Wir Iren haben wieder Jobs und Geld. Und ich daheim viel frische Seebrise.“ Ein Grinsen, ein Schluck vom Pint und: „Slainte!“, zum Wohl.

Irland also. Grüne Insel am Rande Europas. 4,6 Millionen Einwohner. Von denen sich viele in den letzten Jahren wähnen wie in einer wilden Wirtschafts-Achterbahn.

Irland und Bayern sind sich ähnlicher, als man denkt

Rückschau: 2008 wurde Irland von der bestaunten Wirtschaftswunder-Nation über Nacht zum Pleitestaat. Eine Preisblase am Immobilienmarkt war damals geplatzt. Und hatte erst die Banken, dann das ganze Land in den Abgrund gerissen.

Jetzt aber brüllt der „keltische Tiger“ wieder. 2015 ist die Wirtschaft um fast 7 Prozent gewachsen. Zum zweiten Mal in Folge belegte Irland damit die Poleposition unter Europas Volkswirtschaften. Und vor ein paar Tagen erst sagte die irische Zentralbank ein Plus von fast 5 Prozent fürs laufende Jahr voraus.

Und es gibt noch einen weiteren Europa-Rekord: Auch Irlands Industrie, verantwortlich für jeden fünften Euro Wertschöpfung, brummt mächtig. Um sage und schreiber 45 Prozent lag die Produktion des Jahres 2015 über dem Vorkrisenniveau des Jahres 2008! Die Arbeitslosenquote, in der Krise bei 16 Prozent, hat sich schon nahezu halbiert – und die Regierung träumt bereits von Vollbeschäftigung bis 2020.



Was ist das? Ein Wunder? „Eher ein Zeichen kluger Wirtschafts- und Industrie-Politik“, urteilt Professor Edgar Morgenroth. Wenn der Ökonom veranschaulichen will, wie es der irischen Wirtschaft geht, dann nimmt er Besucher mit raus aufs Dach des Esri, Irlands führendem Wirtschaftsforschungsinstitut.

„Hier, jede Menge Kräne“, sagt Morgenroth und deutet auf die Skyline der Hauptstadt. „Es boomt wieder. Überall wird gebaut. Ein Firmensitz neben dem nächsten.“

Obenauf: Professor Edgar Morgenroth freut sich über jeden Baukran.
Obenauf: Professor Edgar Morgenroth freut sich über jeden Baukran.

Die Saat des Erfolgs habe Irland schon vor Jahrzehnten ausgebracht, so Morgenroth. „Bis in die 60er-Jahre waren wir ein Agrarland, wie früher Bayern“, sagt er. Doch nach einer umfassenden Bildungsreform und dem EU-Beitritt 1973 änderte sich das.

Besonders amerikanische Konzerne zieht der Standort Irland seither an. Laut Behörde für Industrieentwicklung sind heute 630 US-Firmen mit 125.000 Arbeitsplätzen im Land. Insgesamt beschäftigen ausländische Unternehmen 190.000 Mitarbeiter.

Was lockt die Firmen? „Eine ebenso junge wie gut ausgebildete Bevölkerung, der Zugang zum EU-Binnenmarkt und natürlich die englische Sprache – das passt einfach alles perfekt“, liefert Morgenroth die Gründe. Und: „Die Unternehmenssteuern sind hier mit 12,5 Prozent konkurrenzlos niedrig.“ Das fördere die Ansiedlung neuer Firmen. Zum Vergleich: In Deutschland zahlen Kapitalgesellschaften rund 30 Prozent.

Ein Beispiel für starke Industrie: Produktion bei MSD. Irland zählt zu den weltgrößten Pharma-Exporteuren.
Ein Beispiel für starke Industrie: Produktion bei MSD. Irland zählt zu den weltgrößten Pharma-Exporteuren.

Längst produziert Irland mehr als Bier und Butter. Zum Beispiel in der Gegend von Tipperary, 180 Kilometer südwestlich von Dublin. Inmitten sanfter Hügel liegt das Werk des amerikanischen Pharmariesen MSD. Ein parkähnliches Gelände, es wirkt, als käme gleich der Lord zu Pferde durchs Tor geritten.

Stattdessen vor Ort: Ger Carmody, der Werkleiter. Mit gelber Warnweste eilt er übers Areal, zeigt auf die Gebäude und rattert runter: „Hier vorn neu gebaut, da hinten erweitert, dort drüben aufgestockt.“

Einen dreistelligen Millionenbetrag steckte MSD zuletzt ins Werk. In den Hallen laufen Tablettenpressen, manche spucken stündlich 80.000 Pillen aus. „Gegen HIV und Diabetes, Hepatitis und Asthma, wir machen alles.“

Die Krise? „Haben wir damals schon gespürt.“ Weil in vielen Ländern im Gesundheitsbereich gespart wurde, stockte der Absatz. Aber man ist wieder erstarkt. „Die Auftragsbücher sind voll“, so Carmody. Und: „Wir suchen neue Maschinenführer und Ingenieure.“ Das sei gerade nicht leicht. „Alle Firmen stellen ein, die Leute können sich Jobs rauspicken.“

Fotogalerie:

Nicht nur „Big Pharma“, wie man die exportlastige Pillenbranche hier nennt, pusht das Land. „Auch Medizintechnik und besonders der Tech-Sektor sind dynamische Industrien, in denen viele Jobs entstehen“, berichtet Ralf Lissek, Leiter der deutschen Außenhandelskammer in Dublin. In den schicken Docklands der Hauptstadt reihen sich die Europazentralen von Google, Facebook oder Airbnb aneinander. Und in Cork hat Apple, mit über 3.000 Mitarbeitern aktiv, gerade wieder 850 Millionen Euro investiert.

Video-Statement:

„Diese kleine Volkswirtschaft ist wie ein Speedboat“

Natürlich habe das Land zuletzt auch von günstigen Umständen profitiert: „Der schwache Euro war gut für den Export, auch die gute Konjunktur in Großbritannien und den USA“, sagt Lissek. Und natürlich drohe der kleinen und so spezialisierten Volkswirtschaft immer mal ein Rückschlag. „Sie ist wie ein Speedboat – einmal am Steuer gezupft, schon läuft’s aus dem Ruder“, so Lissek. Aber: „Damit können die ganz gut leben.“

Das gilt auch für Brian Graham, den Rentner mit dem zugigen Fenster. Im Pub spielt jetzt eine Band, Flöte und Fidel, Arbeiter hocken am Tresen, gucken Fußball ohne Ton. Grahams Pint ist leer, er will heim, die Frau wartet. Also, was ist jetzt mit der Krise? Graham, schon in Mütze und Mantel, dreht sich noch mal um.

„Wir Iren sind von der Klippe gestürzt“, sagt er. „Und jetzt klettern wir gerade wieder rauf.“

Texte: Ulrich Halasz, Fotos/Videos: Dennis Straßmeier

Unterwegs in der Stadt der 1.000 Pubs

Wer nichts wird, wird Wirt – eigentlich müsste dieser Spruch aus Irland stammen. Besonders aus Dublin: Sage und schreibe 1.000 Kneipen gibt es in der irischen Hauptstadt. Wer den Pulsschlag Irlands spüren und seine Bürger in gelöster Stimmung antreffen will, der setzt sich am besten mit einem Pint an die Bar. AKTIV-Chefreporter Ulrich Halasz hat das ganz gern getan. Und berichtet im Video von seinen Eindrücken. Nicht nur aus Pubs …

Facebook, Google, Zalando: In Dublins „Silicon Docks“ schlägt das Herz der Web-Wirtschaft

Foto: Straßmeier

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Dublin. Das Gebäude am Grand Canal Square gibt sich zugeknöpft. Kein Firmenschild, kein Logo, nichts. Nur Stahl und reichlich Glas, in den oberen Etagen haben sie ein paar bunte Sitzpolster an die Scheiben geschoben. Ein ganz normales Bürogebäude also?

Der Eindruck trügt. Denn hinter dieser nichtssagenden Fassade in den Docklands von Dublin verbirgt sich das Europa-Hauptquartier jenes Unternehmens, das die Online-Welt in den letzten Jahren so verändert hat wie wohl kein zweites: Facebook.

Vor sieben Jahren startete der Social-Media-Gigant hier mit drei Dutzend Mitarbeitern. Mittlerweile sind es weit über 1.000. Und einer von ihnen ist Lazlo. Es ist Mittagszeit, draußen regnet es mal wieder, Büromenschen hasten durch die Gebäudeschluchten, in der Hand vegane Lunchboxen aus durchsichtigem Plastik. Lazlo, ein junger Ungar, steht vor der Facebook-Zentrale, in Kapuzenpulli und Sneakers, und zieht an einer schnellen Pausen-Zigarette. „Ich wollte diesen Job bei Facebook unbedingt“, sagt Lazlo, der eigentlich ganz anders heißt, seinen wirklichen Namen aber lieber für sich behalten will. Denn Facebook mag zwar, wenn seine Nutzer viel über sich preisgeben. Man selbst aber gibt sich reichlich verschwiegen – und „empfiehlt“ das auch seinen Mitarbeitern.

Seit fünf Jahren arbeitet Lazlo mittlerweile in Irland. „Immer in der IT-Branche, erst in Galway, dann Cork, seit einem Jahr bin ich jetzt bei Facebook“, erzählt er. Den ganzen Tag sitzt er hier vor dem Monitor, „ich mache technische Analysen“, mehr Details könne er leider nicht verraten. Nur noch so viel: „Das ist ein Traumjob hier! Und Facebook ein Top-Arbeitgeber.“

Sollte sich das mal ändern, Lazlo fände wohl schnell gute Alternativen. Denn: In Irland boomt die Tech-Branche wie nie zuvor. Allein in den Docklands, unter den Dublinern schon „Silicon Docks“ genannt, reihen sich die Europazentralen von Facebook, Google, Airbnb, Twitter und Linkedin aneinander wie die Perlen an der Kette. Über 300 ausländische IT-Konzerne produzieren, entwickeln und vermarkten mittlerweile ihre Produkte von Irland aus. Schon heute beschäftigen sie weit rund 120.000 Mitarbeiter.

Und die Zahl steigt stetig. Kürzlich gab Facebook bekannt, weitere 200 Millionen Euro in ein Rechenzentrum im irischen Meath investieren zu wollen. Und auch der Berliner Schuh-Versender Zalando setzt seit ein paar Monaten auf den Standort Irland. Rund 200 Analysten und Software-Entwickler sollen dort demnächst neue Dienstleistungen entwickeln. Begründung des Unternehmens: Für Dublin spreche eindeutig das große Angebot an Datenwissenschaftlern und anderen IT-Fachleuten.